Marius Dorn

Erste Erinnerungen eines Kinomichika

Es ist ein regnerischer Sommertag im Juni als ich mich entscheide meine erste Probestunde beim Kinomichi zu machen. Früher habe ich viel Leistungssport betrieben, hatte einige Pokale gewonnen. Oft hatte ich meine Grenzen ignoriert und mich verletzt – das eiserne Kreuz an der Brust des Leistungssportlers. Ich fahre durch feinen Regen, der mir Gesicht und Gedanken wäscht und parke mein Fahrrad in einem Kieshof. Ein Windhauch durchzieht ein mit Matten ausgelegtes Zimmer, als ich die Tür öffne. Ich stelle mir vor, dass er von weit her kommt, dass hier bald vielleicht Dinge passieren, von denen ich noch gar nichts ahne. Ich fühle mich erschöpft und die Schatten in meinem Gesicht verraten, wie ich aussehen werde, wenn ich einmal alt bin.

Vor mir sitzen drei Frauen, eine mit einem langen grauen Hosenrock, ein Mann mit einem blauen Hosenrock, aber alle in einem weißen, langärmligen dicktuchigen Hemd.
Ich habe ein leichtes Ziehen in der Brust, und einen verspannten Rücken seit ich aus dem Bett und aus dem Schlaf gefallen bin. Mir ist nicht klar, ob es eine gute Idee ist, damit Sport zu machen. Man muss etwas Neues anfangen, bevor etwas Altes aufhört, hat meine Patentante früher immer gesagt und mir dazu Tee und Beeren gereicht.

Die Dame in dem grauen Rock steht auf, kommt auf mich zu und begrüßt mich. Wir sind schon per eMail verabredet, sie sagt, ich könne mich unten umziehen, und ob ich vielleicht vorher noch Himbeeren aus ihrem Garten wolle, die sie heute morgen gepflückt habe. Alle lächeln und sagen, dass sie erst anfangen, wenn ich da bin. Ich sage, dass ich keine Ahnung und keine Erfahrung habe. Das sei okay. Ich solle nur soweit gehen, wie ich will und Spaß haben. Die Dame in dem Rock lacht noch einmal, legt mir die Hand an die Schulter und sagt bis gleich.

Ich ziehe mir eine schlichte, dunkle Jogginghose und ein weißes T-Shirt an. Die Dame oben heißt Carola und ist die Lehrerin. Sie setzt sich vor uns in einen asiatischen Schneidersitz, die Teilnehmer sitzen etwa zwei oder drei Meter vor ihr in einer Reihe. Sie verbeugt sich einmal zu einem Bild von einem alten Asiaten und einmal zu uns. Das auf dem Bild sei der Maitre Noro aus Paris und man müsse ihn ehren.

Wir fangen mit einer Dehnmassage oder „Körperwahrnehmung“ wie Carola es nennt, an. Das Ganze geschieht in Paaren. Einer legt sich auf den Boden und es werden vom Partner unter leichter Dehnung die Arme und Beine des am Boden Liegenden diagonal gedreht. Ich bin ein wenig ängstlich, da ich schon mit Rückenschmerzen gekommen bin. Aber das Auseinander- und Zusammenziehen der Bewegungen, die Atmung, das stimmt mich mit mir ab. Ein Fließen oder Lockern, es muss irgendwo eine Veränderung im Körper geben. Da bin ich mir sicher.

Dann holt Carola eine der Frauen nach vorne. Sie legen die Hände aufeinander. In einer kreisenden Bewegung legen sich ihre Oberkörper Rücken an Rücken, wie Decken aneinander. Es ist immer dasselbe. Spirale sagt Carola. Spirale. Und Éspace, das heißt Raum. Dann lassen beide wieder voneinander ab, ihre Körper fließen wie Wachs, ein Führen und Folgen, leicht und aus sich heraus.

Ich mag mich nicht, wenn ich erschöpft bin und zu vertrauen ist anstrengend. Hier scheint eine Gegenseitigkeit in den Gesichtern, etwas passiert, ein Hineingehen und Zulassen. Nun ist es an uns das Gezeigte paarweise zu üben. Im Bewegen wird man tief und kompliziert. Es ergibt sich der Eindruck von Muskelkater unter der Schädelplatte. Das ist gut, sagt Carola und lacht. Das heißt, dass ich lerne. Etwa zwei Stunden laufen und drehen wir uns umeinander, rollen, führen und folgen. Wie Katzen sind wir manchmal, die schnurren und buckeln und kratzen, wenn es zu nah wird. Manchmal ist das Zimmer um mich für wenige Minuten lang aus Gold und voll von Luft, Leichtigkeit und der Idee, dass ich die Erschöpfung in einem Raum zwischen mir und dem Übungspartner wegfließen lassen kann.
Am Ende will Carola wissen, wie es für mich war. Das ist alles so schwierig, sage ich. Ja? sagt Carola, wir machen es uns vielleicht nur viel zu schwer. Ich habe einen Einfall, vielleicht ist es weil ich Angst bekomme, weil es kein Dazwischen mehr gibt, nur ein sich Bewegen und Kontaktknüpfen. Es ist nicht wie sonst.

Als ich gehe, kommen seichte Sturmböen auf. Die Bäume im Hof schlagen aus. Die Stadt verwittert wieder und in meinem Kopf ist jetzt ein Raum, den Bewegungen durchstreifen. In meinem Körper ist Ruhe. Eine Schar von Irrlichtern oder Vögeln zieht über den Himmel. Ich habe jetzt das Gefühl, angestoßen worden zu sein, stelle mir Fragen. Warum ich mich scheue, mich zurück zu nehmen, warum ich Angst habe, keinen Schmerz haben zu müssen. Und warum das alles eine Form, eine Bewegung haben kann.

Joachim Ditz
Sigrid